Die Mär vom Handballhype

Handball-WM 2019, Millionen Fernsehzuschauer sind begeistert von unserem Sport. Er ist schnell, dynamisch, aktionsgeladen und häufig spannend bis zur letzten Sekunde, die Nationalspieler sind nahbar, sympathisch und geerdet. Daneben wird der Handball in den Medien als respektvoll gewürdigt, festgemacht am obligatorischen Abklatschen des Gegners nach den Spielen. Kurzum: der Handball ist positiv belegt und die Verantwortlichen des DHB sehnen sich einen Handballhype herbei, der den Vereinen Scharen von Kindern bescheren möge, die den Handball neu für sich entdecken.

Meine (ernüchternde) Prognose hierzu lautet: der Nachwuchsboom wird ausbleiben und am Ende werden sich alle fragen, wieso eigentlich. Weil der König Fußball in Deutschland sowieso alles in den Schatten stellt? Nein, sondern vor allem auch deshalb, weil wir Hobby- und Amateurhandballer zu blöd dafür sind, die medial gefeierten Ideale unseres Sports in unseren Dorfhallen tatsächlich erlebbar zu machen.

Wir verlieren Neulinge, die beim Handball reinschnuppern, häufig leider allzu schnell wieder. Und dies nicht nur weil Handball komplexe Bewegungsabläufe miteinander vereint, die Anfängern naturgemäß zunächst noch schwerfallen. Ein Hauptgrund ist vielmehr, was die Eltern dieser Kinder an den Wochenenden im Spielbetrieb mit ansehen müssen. Bereits im D-Jugend-Bereich scheinen immer mehr (übermotivierte?) Trainer (übertriebene) Härte als Mittel der Wahl für sich erkannt zu haben. Handball ist und bleibt ein körperbetonter Kampfsport, keine Frage. Allerdings fehlt manchem Übungsleiter der innere Kompass, den es braucht, um Kindern (!) die richtige Orientierung zu geben. Und dies obwohl bei der WM eine richtungsweisende Linie in puncto Spielweise vorgezeichnet wurde, die nicht zu übersehen war. Die Trainer sind gefordert, hier einzugreifen und den richtigen Rahmen vorzugeben. Sonst niemand! Denn es ist doch geradezu grotesk, dies von Jung(!)-Schiedsrichtern einzufordern, die selbst noch in der Ausbildung sind.

Was haben beispielsweise unsere D-Junioren in ihren letzten vier Spielen seit der Heim-WM erlebt? Hier die Statistik dazu:

  • 42 Strafminuten gegen unsere Gegner, 14 Strafminuten gegen uns.
  • 5 Strafwürfe für unsere Gegner, 26 Strafwürfe für uns.
  • 1 direkte rote Karte für unsere Gegner, keine gegen uns.

Und wenn – wie zuletzt geschehen – ein verletzter Spieler nach einem rüden Foul, das mit einer Zeitstrafe geahndet wurde, weinend an der gegnerischen Bank vorbei vom Feld geführt wird und dort von einem Kind das Wort „Fallobst“ zu hören bekommt, ohne dass dessen Trainer, der unmittelbar daneben stand, einschreitet, sagt das leider alles.

Liebe Mit-Trainer, lasst uns alle gemeinsam umsteuern. Schnell!

Mit sportlichen Grüßen
Sven Koryciorz